Immer mehr Kinder bleiben in den USA der Schule fern und lernen Zuhause. In die Rolle des Ersatzlehrers schlüpft in der Regel die Mutter. Nun wollen Politiker das private Unterrichten schärfer kontrollieren und etwas bisher Unvorstellbares einführen: die Schulpflicht. Nach Angaben des nationalen Zentrums für Bildungsstatistik (NCES) haben im Jahr 2003 fast 1,1 Millionen US-Kinder den Schulunterricht im eigenen Wohn- oder Esszimmer genossen. Da die Statistik nur alle vier Jahr aktualisiert wird werden neuere Zahlen erst Anfang 2008 vorliegen. Wegen der wachsenden Beliebtheit des Klassenzimmers im eigenen Haus schätzt die Behörde aber, dass die Zahl mittlerweile bei mehr als 1,5 Millionen liegt und damit fast jeder dreißigste Schüler dem herkömmlichen Schulsystem fernbleibt. Experten glauben, dass sich der Trend beschleunigen wird. In drei Jahren könnte es bereits jeder zehnte Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren vorziehen, die Englischstunde bei der eigenen Mutter zu absolvieren. Zu den starken Verfechtern der Schule in den eigenen vier Wänden zählt Melanie Brown aus Sterling im US-Bundesstaat Virginia. Die frühere Regierungsangestellte gab ihren Job auf, um die beiden Söhne Nicholas und Joshua Zuhause zu unterrichten. Ausschlaggebend war für die 41-Jährige die Erkenntnis, dass "das Schulsystem nicht geeignet ist, das maximale geistige Potenzial unserer Kinder zu heben". Melanie verwendet Lehrbücher des Kinderpsychologen Glen Doman, die nach ihrer Darstellung darauf abzielen, "unentdeckte Teile des Gehirns einzusetzen, von denen wir weniger als zehn Prozent nutzen". Das Ergebnis: Die beiden Jungen sind nach mehreren Jahren Heimschule Gleichaltrigen nicht nur akademisch meilenweit voraus, sondern entwickeln dank des Ehrgeizes der Mutter andere Talente und haben sich bereits als Musiker profiliert. Zusätzlich zu den täglichen sechs Stunden Schulunterricht üben sie drei Stunden Violine. Der zehnjährige Nicholas tritt regelmäßig in ausverkauften Sälen auf und wurde zu Gastauftritten mit dem Nationalen Sinfonieorchester eingeladen. Obwohl viele Eltern vor allem die bessere Förderung der Sprösslinge als Hauptgrund für den Heimunterricht angeben, spielen religiöse Motive eine noch größere Rolle. Mark Porier aus Reston (Virginia) ist gläubiger Katholik und nimmt an der strengen Trennung von Kirche und Staat besonderen Anstoß. Seine sechs Kinder unterrichtet die Mutter, weil Religion in öffentlichen Schulen nicht gelehrt wird. "Wie sollen wir unsere Kinder zu guten Christen erziehen, wenn sie in der Schule nicht die Bibel lesen dürfen?", fragt der 43-jährige Softwareingenieur. Wie aus der NCES-Studie hervorgeht, nehmen fast drei Viertel der Eltern ihren Glauben zum Anlass, um die Kinder von öffentlichen Schulen fernzuhalten. Etwas mehr als zwei Drittel halten die Qualität der staatlichen Einrichtungen für unzureichend. 85 Prozent wollen dem Nachwuchs die "schlechten Einflüsse" ersparen. Dazu zählen vor allem Sex, Drogen und Kriminalität. Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, fünffache Mutter und sechsfache Großmutter befürchtet, dass nur Zuhause unterrichtete Kindern "in den meisten Fällen nicht nur das Rüstzeug fehlt, um später ein Studium zu absolvieren und beruflich zu reüssieren, sondern vor allem die Sozialisierung, die junge Menschen nur durch den täglichen Umgang mit Gleichaltrigen lernen". Die Demokraten wollen nun versuchen, per Gesetz striktere Standards für den Heimunterricht einzuführen. Insbesondere geht es ihnen darum, für Eltern, die Lehrer spielen, Prüfungen vorzuschreiben. Wer diese nicht besteht, könnte dann gezwungen sein, die Kinder in die Schule zu schicken. Einige Demokraten kämpfen im Kongress gar für die Einführung einer allgemeinen Schulpflicht. Michigan ist der einzige Bundesstaat, der beim Heimunterricht ausgebildete Lehrkräfte vorschreibt. Leichtes Spiel werden die Demokraten nicht haben. Der neokonservative Flügel der Republikaner hat seinen Widerstand angekündigt. Am stärksten werden aber die Eltern für ihre Sache kämpfen. Mark Porier sagt: "Meine Kinder bleiben Zuhause, egal was der Kongress bestimmt. Die sollen es nur wagen, mich dann einzusperren."
PETER DE THIER, WASHINGTON
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Mittwoch, 25. Juli 2007
Mehr als eine Million US-Kinder meiden öffentliche Schulen
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