Dagmar und Tilman Neubronner unterrichten ihre Kinder zu Hause. Illegal, denn Heimunterricht (Homeschooling) ist in Deutschland laut Reichsschulpflichtgesetz von 1938 verboten.
Von FOCUS-SCHULE-Redakteurin Andrea Hennis
Familie Neubronner: Moritz (11) und Thomas (8) spielen Fußball, singen im Chor und musizieren im Orchester. Nur in die Schule gehen sie nicht.Die Neubronners streiten für ihre Überzeugungen vor Gericht, nehmen Bußgeldzahlungen in vierstelliger Höhe und Behördendruck in Kauf. Gestern hat die Familie Deutschland verlassen. Warum?„Aus Angst vor Sorgerechtsentzug“, antwortet Mutter Dagmar Neubronner. Auslöser sei ein Urteil des Bundesgerichtshof vom November 2007. „Es gab daraufhin in Baden-Württemberg mehrere Fälle, bei denen die Behörden hart durchgegriffen haben“, berichtet sie. Einer Familie sei das Aufenthaltsbestimmungsrecht und das Sorgerecht in Schulangelegenheiten entzogen worden, um sie an der geplanten Auswanderung nach England zu hindern. „Ein Gau für die Freiheit und Selbstbestimmung!“ Die Neubronners sind nicht die einzigen, die Deutschland derzeit den Rücken kehren. „Es gibt viel Bewegung in der Homeschooling-Szene“, bestätigt der Bremer Jurist Matthias Westerholt, Anwalt der Familie.Deutschland europaweit isoliertWohin die Flucht führt, scheint ziemlich egal zu sein. Denn in allen anderen europäischen Ländern ist es erlaubt oder geduldet, dass Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten. „Sogar Tschechien hat 2005 Homeschooling zugelassen“, gibt Dagmar Neubronner zu Protokoll. Im Ausland rufe das Schicksal deutscher Homeschooler ungläubiges Entsetzen hervor. „Von wann ist das Gesetz? Von 1938? Und die Kinder werden wirklich von der Polizei zur Schule gebracht?“, zitiert sie. Langfristig ist sie zuversichtlich, dass sich Bildungsfreiheit auch in Deutschland durchsetzen wird. „Das muss kommen, zur Not über die EU“, sagt die kämpferische Mutter. „Wir sind einfach ein bisschen zu früh dran.“Noch hofft die Familie, dass Spanien nur eine Zwischenstation ist und alle in ein paar Monaten nach Deutschland zurückkehren können. Denn Moritz und Thomas haben in ihrem Heimatort Bremen Wurzeln geschlagen, Verwandte und Freunde zurückgelassen. „Wenn wir merken, es handelt sich um mehr als ein Jahr, würden wir uns wahrscheinlich dauerhaft im Ausland niederlassen, bevorzugt in Österreich.“ Dort ist Homeschooling grundsätzlich erlaubt, der Wissensstand der Kinder wird in jährlichen Tests überprüft. Auch in Deutschland wurden die beiden Neubronner-Jungs monatlich von einer staatlichen Schule geprüft – mit überdurchschnittlichen Ergebnissen.Wissenslücken? Kein ProblemUm den Bildungsstand der Kinder, die von den Eltern unterrichtet werden, machen sich auch deutsche Behörden und Gerichte wenig Sorgen. „Das ist kein Thema“, wundert sich Anwalt Westerholt, „ebenso wenig wie der Rollenkonflikt, der dabei entstehen könnte.“ In Deutschland befürchtet man vor allem, dass Heimunterricht die Kinder sozial isoliert und Parallelgesellschaften begünstigt. Eine verständliche Sorge, die aber durch den Blick ins Ausland entkräftet werden könne, mein Dagmar Neubronner.„In der Schule wurde geprügelt, und es war langweilig“Warum gehen ihre Kinder eigentlich nicht zur Schule? Weil sie zu Hause besser und lieber lernen, erklärt die Mutter. Moritz, der Ältere, habe sich schon vor der Schule Lesen und Rechnen beigebracht. Seine Schulerfahrung: „Es wurde geprügelt, und es war langweilig.“ Ihre Kinder hätten mit Krankheiten und aggressivem Verhalten auf den Schulbesuch reagiert.Im Übrigen, so Dagmar Neubronner, gebe es in Deutschland durchaus legales Homeschooling. „Für Tokio Hotel ist das zum Beispiel gar kein Problem. Und für Jugendliche mit einem langen Jugendstrafregister, die von allen Schulen geflogen sind, bezahlt der Staat gerne die Fernschule. Aber wir haben das Pech, dass unsere Kinder weder prominent noch kriminell sind.“Ihr Wunschbild vom deutschen Schulsystem: Bildungsfreiheit gewähren und Kinder und Eltern selbst entscheiden lassen, wie und wo sie lernen. Dafür wird die Familie vor deutschen Gerichten weiter streiten.
http://www.focus.de/schule/schule/schulwahl/tid-8536/heimunterricht_aid_233038.html
„Homeschooling bedeutet nicht, dass man zu Hause Schule spielt“
Moritz und Thomas Neubronner werden seit über zwei Jahren von ihren Eltern unterrichtet. Beide schneiden in Schultestst überdurchschnittlich gut ab. Wie schaffen die Neubronners das?FOCUS-SCHULE: Frau Neubronner, haben Sie und Ihr Mann Ihren Schulstoff noch gut im Kopf?Dagmar Neubronner: Ganz falscher Ansatz! Homeschooling bedeutet nicht, dass man zu Hause Schule spielt. Der Schulunterricht ist darauf zugeschnitten, dass eine Person 25 Kindern, die etwas ganz anderes im Kopf haben, in einer vorgegebenen Zeit ein Thema beibringt. Homeschooling funktioniert anders. Das haben wir selbst übrigens auch erst lernen müssen.FOCUS-SCHULE: Sie unterrichten „zwei zu zwei?“Neubronner: Wir lassen unsere Kinder weitgehend in Ruhe, und sie erforschen die Welt. Moritz hat irgendwie das Einmaleins gelernt und herausgefunden, wie Prozentrechnen funktioniert oder wie man Excel-Tabellen erstellt. Und zwar, weil er das für bestimmte Dinge – wie zum Beispiel sein Hobby Fußball – gebraucht hat. So lernen und arbeiten wir Erwachsenen ja auch: Wir bringen uns gezielt das bei, was wir brauchen. In der Schule werden die Kinder aus der „richtigen Welt“ herausgehoben, müssen jahrelang „so tun, als ob“ – und werden abgefüllt wie Tüten.FOCUS-SCHULE: Profitieren Homeschooler vom Internet?Neubronner: Ja. Das Wissen der Welt ist im Internet verfügbar, und unsere Kinder sind durchaus in der Lage, das für sie Wesentliche herauszufiltern. Aber wir stehen natürlich jederzeit für sie zur Verfügung und beantworten ihre Fragen. Wir gehen auch viel in Museen, nutzen pädagogische Angebote (zum Beispiel in Vergnügungsparks), haben Jahresausweise für die Bibliotheken und natürlich auch viele Bücher zu Hause.FOCUS-SCHULE: Gibt es geeignete und weniger geeignete Familien?Neubronner: Studien im Ausland haben – auch zum Erstaunen der Forscher selbst – gezeigt, dass gerade Kinder aus bildungsschwachen Familien besonders vom Homeschooling profitieren. Hauptfaktor für den Lernerfolg der Kinder ist nämlich nicht die Schulausbildung der Mütter, sondern dass die Eltern ihnen etwas zutrauen! In öffentlichen Schulen müssen sich Kinder aus sozial schwachen Familien besonders anstrengen, um den Makel der Herkunft auszugleichen. Dieser Diskriminierungseffekt, der in Deutschland so bestimmend ist, fällt beim Homeschooling praktisch weg.FOCUS-SCHULE: Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kinder bei der Berufs- oder Studienwahl am fehlenden Schulabschluss scheitern?Neubronner: Überhaupt nicht. In den USA ist es so, dass einige der besten Unis eigens Webseiten eingerichtet haben, um gezielt Homeschooler anzusprechen. Und eine Studie, bei der 5000 Kinder vom siebten bis zum zwanzigsten Lebensjahr begleitet wurden, hat ergeben: Homeschooler sind sozial kompetent, politisch engagiert und insgesamt glücklicher. Die Jugendkriminalität liegt in dieser Gruppe im nicht messbaren Bereich.
Freitag, 11. Januar 2008
Heimunterricht: Deutsche Familie flieht ins Ausland
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